Große Aktion für kleine
Tiere - Ein Versuch zur Rettung unserer bedrohten Teich- und Malermuscheln
Durchgeführt von der Fischereifachberatung des Bezirks Oberbayern,
Herrn Dr. Peter Wismath
© 2001 Uli Mößlang
Die Fischereifachberatung des Bezirks Oberbayern stellte 1994 fest,
dass in vielen großen oberbayrischen Seen, zum Beispiel dem Starnberger
See, auch Würmsee genannt, und dem Tegernsee, die reichen Muschelbestände
abgenommen hatten, ja sogar fast ausgestorben waren.
Die Malermuschel unterscheidet sich von der dünnschaligeren Teichmuschel
auch durch die Größe. Die dicken Schalen der Malermuschel, die
durch ein Scharniergelenk verbunden sind, wurden früher für Hemdenknöpfe
verwendet, und Maler rührten darin ihre Ölfarben an. Aus dem
Raum Tegernsee ist mir bekannt, dass noch 1950 Malermuscheln zum Entenfüttern
verwendet wurden.
In den Lebensräumen der heimischen Muscheln haben sich Unmassen
der nach dem Krieg aus Asien eingeschleppten, kleinwüchsigen Dreikantmuschel
(Dreissena) verbreitet. Zu uns ist diese Kleinmuschelart hauptsächlich
durch die erst nach 1950 üblich gewordenen Transporte der Sportboote
von See zu See gekommen. Im Bilgewasser der Boote sind die Larven der Dreissena
wochenlang überlebensfähig und bilden so den Grundstock immer
neuer Populationen.
Die Dreikantmuschel setzt sich rasend schnell auf allen festen Untergründen
im See fest. Dabei ist es egal ob es sich um Äste, Flaschen, Steine
oder Zivilisationsmüll handelt. So ist es nicht verwunderlich, dass
sie sich auch an den großen heimischen Muscheln festsetzen und dadurch
die Nahrungsaufnahme und Atmung der Muscheln behindern. Damit ist nun eindeutig
klar: Das Massenaufkommen der Dreissena bedeutet das Ende der einstmals
so reichen Muschelbestände in unseren Seen.
1996 beschloss die Fischereifachberatung des Bezirks Oberbayern, eine
Kartierung der Dreikantmuschelbestände im Starnberger See durchzuführen.
Schnell stellte sich heraus, dass solch eine groß angelegte Erforschung
nur durch freiwillige Mitarbeit von Sporttauchern möglich ist. Im
Mai 1996 kamen über 100 Sporttaucherinnen und Sporttaucher in das
Bildungszentrum des Bezirks Oberbayern nach Seeon und ließen sich
für die Aufgabe schulen. Dabei wurde der Schulterschluss zwischen
Tauchern und Fischern geübt. Der in 48 Sektoren geteilte See wurde
in 2m-Tiefenstufen bis zu einer Tiefe von 20 Metern abgesucht. Die Befunde
wurden notiert, später auf Formblätter übertragen und ausgewertet.
Die Hauptbestände liegen in einer Tiefe von 10-18 m. Fast das gesamte
steinige Ostufer ist sehr dicht mit Dreissena bewachsen. Es wurde auch
beobachtet, dass die Dreissena in nur wenigen Monaten bereits von ihnen
befreite Stellen zurückerobert hat - ein deutlicher Hinweis auf die
ungeheure Reproduktionskraft der fremden Muschel. Sogar auf Edelkrebsen
setzen sich die kleinen Eindringlinge fest. Das schlammigere Westufer und
die Seeshaupter Bucht dagegen weisen fast keine Bestände von Dreikantmuscheln
auf.
Angesichts des massiven Besatzes mit Dreikantmuscheln auf kiesigem Untergrund
ist zu befürchten, dass Kiesleicher wie die Seeforelle und der Seesaibling
bald keine adäquaten Laichplätze mehr vorfinden werden und der
Fischbestand dadurch bedroht wird.
Auf dem Bild auf acht Metern Tiefe ist deutlich die starke flächendeckende
Verbreitung der Dreikantmuschel zu sehen. Bei dem Bild auf 18 Metern zeigt
sich die plötzliche Trennlinie zwischen Dreikantmuscheln und Sedimentboden.
Dreissena auf acht Metern - flächendeckende Verbreitung
In 18 Metern Tiefe - deutlich zu erkennen: die Trennlinie zwischen
Hart- und Sedimentboden
Kartierung der Teich- und Malermuschelbestände im Chiemsee 1998
1998 rief der Bezirk Oberbayern wieder die Taucher zu Hilfe. Im Bildungszentrum
Seeon des Bezirks Oberbayern wurden Taucherinnen und Taucher mit der Biologie
und Lebensweise der Teich- und Malermuscheln im Chiemsee vertraut gemacht.
Im Seeoner Klostersee wurde dann das Gelernte sofort mit einem Probetauchgang
in die Tat umgesetzt. Danach wurden diese Tauchgruppen mit der nötigen
Erlaubnis ausgestattet. In einer Tiefe von zwei bis 20 Metern suchten sie
nach lebenden und toten Muscheln gesucht, notierten die Ergebnisse und
leiteten sie an den Bezirk weiter.
Ergebnis: Die ehemals so reichen Bestände der Teichmuscheln sind
schon fast ausgestorben. Die noch häufiger vorkommenden Malermuscheln
leiden sehr stark unter dem Befall der Dreissena. Fast die Hälfte
der gefundenen Muscheln war bereits tot.
Dass überhaupt noch so viele heimische Großmuscheln im Chiemsee
vorkommen, liegt daran, dass der Chiemsee über keine so ausgeprägten
hartgründigen Steilufer verfügt wie der Tegernsee und das Ostufer
des Starnberger Sees.
Stehen wir der Dreikantmuschelinvasion völlig hilflos gegenüber?
Es ist derzeit nicht möglich, die weitere Verbreitung der Dreikantmuschel
zu stoppen. Sie können noch nicht direkt bekämpft werden. Das
Zauberwort heute heißt Muschelpflege.
Der Bezirk Oberbayern, Fachberatung für Fischerei, startet daher
einen Aufruf an alle Sporttaucher in unseren Seen: "Suchen Sie im Uferbereich,
zwischen zwei und sechs Metern Wassertiefe, nach Teich- und Malermuscheln
und befreien Sie diese behutsam von den anhaftenden Dreikantmuscheln."
Dann hätte zumindest ein Teil der noch vorhandenen Großmuschel-Populationen
auch längerfristig die Möglichkeit, zu überleben und sich
fortzupflanzen.
Kartierungsaktion im Dezember 2000 - das Interesse ist groß
Am 17.12.2000 wurden Taucher und Tauchgruppen wieder zu einem Seminar
in München eingeladen. Der Firma "Hedra Tauchsport" wurde die Koordination
der Sektionen mit den Tauchgruppen übertragen. Durch den Besitzer,
Helmut Drache, der auch als Referent dozierte, werden diese Tauchgruppen
mit der nötigen Erlaubnis für die Zufahrt an den See und mit
den Tauchgenehmigungen für alle Sektionen ausgestattet. Ziel der Aktion
ist eine genaue Kartierung der heimischen Muscheln im Starnberger See.
Es sollen die Bestände an lebenden und toten Muscheln in den verschiedenen
Tiefen notiert, auf Listen übertragen und dem Bezirk Oberbayern mitgeteilt
werden. Der Start der Erhebung war am 15. Januar 2001. Die Aktion wird
voraussichtlich bis zum 30. April 2001 dauern.
Fotos unten: In den Händen von Theo, eine der letzten Teichmuscheln,
die - von Dreikantmuscheln gereinigt - zurückgesetzt wurde. Die beiden
Bilder mit den toten Teichmuscheln zeigen die starke Verbreitung der Dreikantmuschel.
