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Blue Hole Dahab -Historisch Abgesandt von oli am 27.09.2004 - 14:31:
Danke an Stan Peschel für seine Schilderungen von 1976. Ein Thema das damals aktuell war, es aber heute immer noch ist!
Blue Hole Panik (1976) Die Vorgeschichte jenes fast schicksalhaften Tauchganges begann am Abend zuvor, an einem Abend, den wir in der Oase Dahab an der Küste des Golfs von Eilat bei einer Flasche Bier friedvoll verbrachten. Wir: Otto, ein erfahrener Taucher aus München, die Ruhe in Person, Irmgard, die den Otto lieber als das Tauchen hat und deren weibliche Logik und Angst die Taucherfahrungen Ottos manchmal zu übertreffen schienen, und schließlich ich. In die gesegnete Ruhe des Abends donnerte plötzlich von irgendwoher ein Name, der uns alle aufhorchen ließ: Blue Hole. Blue Hole, eine düstere, ovalförmige UW-Schlucht, die sich etwa 7 km nördlich von Dahab inmitten eines Saumriffes befindet, stand ab sofort im Brennpunkt des allgemeinen Interesses. Nicht ihre unerforschte Tiefe reizte uns, sondern ein einmaliges Naturereignis in Form eines Tunnels, der in 55 m Tiefe die Schlucht mit dem offenen Meer verbindet und bei günstigem Lichteinfall das einzigartige Erlebnis vermittelt, sich der Dunkelheit zu entziehen, der unendlichen türkisenen Bläue des offenen Meeres entgegen schwimmend. Die Lust, diesen Tauchgang zu unternehmen, wurde nur durch eine einzige Wolke am klaren Taucherhimmel getrübt, die in Zahlen ihre Form annahm – das Fassungsvermögen unserer 12-Liter-Flaschen. Man griff zu Papier und Bleistift und das theoretische Ergebnis forderte zu diesem Wagnis auf, dem eigenen Gefühl und den Bedenken Irmgards zum Trotz.Die folgende Nacht war keineswegs als eine ruhige zu bezeichnen. Der Tag brach an und man machte sich, von einer verdeckten Beklommenheit erfüllt, auf den Weg.Am Ort des Geschehens musste die schwergeprüfte Irmgard eine Belehrung über ihre Aufgaben bei einem eventuellen Unfall über sich ergehen lassen, und dann ging es nach kurzem Schnorcheln ab in die Tiefe. Wir gingen unter, einem fallenden Stein ähnlich, um die Eintauchzeit möglichst zu verkürzen, dem Tiefenmesser keine Beachtung schenkend. Dass er existierte, wurde mir erst bewusst, als unter uns ein pechschwarzer Abgrund unterhalb der 40 m Tiefe den Rachen aufsperrte und uns zu verschlingen drohte. Eine beinahe panische Angst trieb mich zu der einzigen Lösung des Konfliktes: Umkehren! Was für ein unsinniger Stolz ließ mich nicht diesen vernünftigen Entschluss verwirklichen? Ich riss mich zusammen, setzte den Abstieg fort, ständig nach dem angeblichen Licht des Tunnels Ausschau haltend. Man hatte das Gefühl, von totaler Finsternis wie von einem schwarzen Mantel umhüllt zu sein, der nur durch das Glimmern irgendwelcher Meeresbewohner hell bestickt war.Für einen Augenblick wurden wir von einem Schwarm riesiger Fische gestreift, die ihre Existenz nur durch schwache Silhouetten preisgaben, um so mehr aber mit ihren fluoreszierenden Flossen protzten, als wollten sie uns die Wahrhaftigkeit der Jules Verne Romane unserer Jugend beweisen. Sekunden später verschwanden sie wieder majestätisch in der Dunkelheit, möglicherweise still über die Nichtigkeit zweier Würmer in ihrem Element lächelnd. Plötzlich sehe ich mich außerstande, mich auf mein Vorhaben zu konzentrieren. Das mich umgebende Wasser gerät in Vergessenheit – einer helle Wiese im Sonnenschein Platz machend, die Pressluft bekommt den Geschmack von Pudding aus der Küche meiner Mutter. Wie schön ist es, zu leben. Ich nähere mich Otto, um ihm meine Gefühle mitzuteilen – da streift mein Blick den Tiefenmesser. Im selben Augenblick entfacht der letzte Funke des Verstandes ein Feuer. Ein Schock durchfährt mich. Das Hirn sträubt sich, den Augen zu trauen. Die Nadel des Tiefenmessers lehnt sich hart gegen die Endmarkierung an. Über 80 m! Gedanken schießen durch den Kopf. 84 m – Sauerstoffvergiftung – Tod! Ich will nicht!Das Herz beginnt rasend zu schlagen, ein einziger Gedanke ergreift mich – hoch; dorthin, wo die Sonne scheint und wo man sich nicht zu fürchten braucht. Die Beine fangen an, fieberhaft zu arbeiten. Im selben Augenblick scheint Otto den Ernst der Lage begriffen zu haben, er kämpft sich ebenfalls mit aller Kraft nach oben vor.Die Felsenwand scheint zu stehen, sämtliche Anstrengungen zunichte machend. Wenn ich könnte, würde ich schreien. So tragen die Luftblasen nur ein jämmerliches Winseln zur Oberfläche empor.Ein Gefühl totaler Einsamkeit und Nichtigkeit scheint mich zu erdrücken – auf einmal bin ich bereit, vor Gott auf die Knie zu gehen, gegen Sonne und Leben.Gibt es ihn überhaupt? Und was bewegt einen Atheisten, in der Verzweiflung eines Verlorenen, an ihn zu denken? Wo bleibt die scheinbare Souveränität und Autonomie mit einem Fuß auf der Schwelle? Wo bleiben Ideologien, das Vaterland, die Familie, alles Dinge, die uns zur Religion aufgezwungen werden und die trotzdem in solchen Momenten von keinem Belang sind? Doch dies ist nicht der Ort, all diese Fragen zu klären. Hilfesuchend greife ich nach Ottos Arm und spüre dabei das Kommen einer neuen Dämmerung, die mich wie ein sanfter Nebel umhüllt.. Die bisher scharfen Konturen meines räumlichen Befindens und meiner Gefühle verschwimmen – die Gestalt von Halluzinationen annehmend. Das erhabene Gefühl, an einen Ballon gebunden zu sein, durch die Lüfte schwebend, von Musik begleitet – wechselt mit Augenblicken beängstigender Atemnot, wobei ich mich außerstande sehe, meinen sich scheinbar kontrahierenden Thorax mit Luft zu füllen. Ein dumpfer Knall erschallt, das Wasser verwandelt sich in ein mit Sekt gefülltes Glas – inmitten der Blasen schweben wir.Aus der Blasenwand taucht plötzlich mit einer Breitlandwanddeutlichkeit das Wort Fenzy auf – ich höre ein Lachen und das allmählich abklingende Echo eines Rufes: Fenzy, Fenzy ...Ich fühle mich „high“, die Blicke der Augen kreuzen sich, die Lider drohen zuzufallen. Nein, das darf nicht passieren! Allmählich beginnt sich die Dunkelheit zu erhellen und ich bin nur im Stande, es zu registrieren ohne entsprechende Assoziationen aus dieser Erkenntnis zu folgern. Aus der Ewigkeit dieses Zustandes erwache ich erst auf den sanften Wogen des Blue Hole, neben mir das blasse Gesicht von Otto.Benommen schwimme ich zum Ufer und erst nach einer Weile kann ich die aufgeregten Worte Irmgard´s dechiffrieren: Was ist los? Warum seid ihr schon nach 6 Minuten hochgegangen? Warum wohl? P.S. Nachträglich habe ich erfahren, daß das Blue Hole 105 m tief ist. Am tiefsten Punkt des Tauchganges war ich etwa 2 m über Grund. Bis heute (2003) sind mehr als 70 Taucher dort ums Leben gekommen. Auch ich wäre dort geblieben, hätte ich nicht zufällig Otto gehalten, als er die Rettungsweste aufblies. Es war ihm überhaupt nicht bewußt, daß ich bei ihm war. Ich selbst hatte keine Rettungsweste.
dass nenne ich eine beeindruckende:o schilderung eines (frühen) überlebenden!
hut ab und danke für diese beschreibung!
harry
ps: gehört nicht zu den dingen, die ich erleben möchte
Antwort von gunther am 28.09.2004 - 11:06 Sehr sehr eindruckvolle Schilderung....
Gunther
Antwort von wrack-uli am 28.09.2004 - 13:15 Wirklich, eine gute Tauchgangbeschreibung aus einer Zeit, ohne "Rettungsweste", mit gutem Ausgang.
Uli,
der bei diesem TG immer den Tiefenmesser im Auge hatte.
Antwort von Ernie am 28.09.2004 - 13:09 Großes Kompliment an den Autoren! Spannender als diese Begebenheit kann auch kein Roman sein...
Danke für die Offenheit, dieses Erlebnis nach fast 30 Jahren mit uns zu teilen...
Gruß.... Ernie
Antwort von Sandra am 28.09.2004 - 13:58 Tauchende Schutzengel gehabt,
und für die Leser Gänsehaut pur...
Sandra
Antwort von tauchwolly am 28.09.2004 - 17:23 Eine persöniche, sehr emotionale Schilderung. Man fiebert beim Lesen förmlich mit...
Danke für diesen Bericht!
tauchwolly
Antwort von gunther am 28.09.2004 - 17:50 Was ich nicht ganz verstehe ist 6 Minuten für 100 Meter runter und hundert Meter rauf..... oder??
Da würde ich dann Geburtstag feiern
Antwort von und 26 Gäste am 28.09.2004 - 20:02 Wo ist das Problem, Gunther?
Es gibt Leute, die tauchen in dieser Zeit wesentlich tiefer - und das sogar, ohne zwischendurch zu atmen!
Antwort von seepferdchen1 am 29.09.2004 - 11:17 Als ich diesen Bericht gelesen habe, ist es mir eiskalt den Rücken runter gelaufen - so spannend und mystisch ist dieser Tatsachenbericht geschrieben. Ihr habt ja mehr als nur einen Schutzengel gehabt. Auch ich würde meinen Geburtstag 2x im Jahr feiern.
Ich verstehe aber "und 26 Gäste" nicht. Du solltest mal über das Auftauchen aus solchen Tiefen und den Zusammenhang mit Barotraumata der Lunge nachlesen. Es ist ein riesengroßer Unterschied ob mit oder ohne Luftversorgung...
Antwort von wrack-uli am 29.09.2004 - 13:56 vermutlich hat 26G einen Selbstversuch durchgeführt, daher seine wirren Antworten.
Antwort von Bulette am 04.10.2004 - 09:48 Ich denke und_26_Gäste bezieht seinen Kommentar nur auf den Fakt der Tauchzeit und nicht auf die möglichen Gefahr eines Deko-Unfalls. Und damit hat er ja recht mit seiner Meinung, dass die 6 Minuten für runter und wieder hoch möglich sind.
Aber nichts desto trotz eine spannende Schilderung des Autors. Ich glaube so ein Erlebnis vergisst man nicht wieder - wenn man es überlebt hat. Da brauchts mehrere Schutzengel auf einmal.
Unter heutigen Bedingungen würde ich sagen, sehr blauäugig an die Sache rangegangen. Andererseits nenne ich das noch Pioniergeist. Und aus den Erfahrungen von damals kann man ja heute auch noch seine Schlüsse ziehen. Auf jeden Fall hat mich die Schilderung neugierig gemacht auf Dahab - da muss ich unbedingt hin.
Grüße von Uwe.
Antwort von Dr.Fisch am 14.10.2004 - 01:12 Und ich hab, geglaubt das ich schnell abtauche, wenn ich für die 40m Marke eineinhalb Minuten brauche. Da bin ich langsam gegen diese Veteranen des Roten Meeres!
Aber nicht desto trotz, irgendwie ist die ganze Geschichte beeindruckend, und andererseits ist es wohl ein irres Unternehmen solche Tiefen mit 2400 bar/l auzusuchen.
Hut ab!
Antwort von hket am 15.10.2004 - 09:59 @dr.fish
Ein TG mit 2400 barl Luft auf 55m würde ich bei erfahrenen Tauchern nicht als irre bezeichnen, obwohl ich hier (und HEUTE !!!) den Sicherheitsstandard für Höhlentauchen ansetzen würde. Dazu gehört noch zu wissen, wie lang die Röhre ist, evtl. ob dort Strömungen möglich sind?
Helmut
Antwort von wrack-uli am 15.10.2004 - 11:34 ca. 6 Meter, keine Strömung
Antwort von U/W-Oliver am 04.01.2005 - 07:52 Bericht mit Aha-Effekt.
Vielen Dank, hoffe das ich ihn nie vergesse! Habe im November in Mexico von einer Gruppe TL gehört, die Dom.Rep. tauchen waren, der Eine der hoch gekommen ist soll 106m auf dem Comp. gehabt haben.
Geplante 55m sind wohl doch saugefährlich.
mfg
Antwort von wrack-uli am 07.01.2005 - 09:36 mit 106 m war ganz unten,
wobei der Grund nicht eben ist und leicht zum Durchbruch abfällt.
Antwort von MrGuide am 06.02.2006 - 21:13 Wer hier Postings einstellt, um der Welt mitzuteilen, dass er 106Meter mit Pressluft getaucht ist hat einen Knall. Um die Englein schweben zu sehen, brauche ich nicht auf 106Meter zu gehen. Bei manchen schweben sie vielleicht erst bei 120Meter, aber oft schweben sie schon bei 40Meter.
Es ist zwar nett, seine Grenze zu kennen, aber diese Grenze verschiebt sich halt und ist neben der Tiefe von vielen Faktoren abhängig (Temperatur, Stickstoffsättigung, körperliche Verfassung, Sichtverhältnisse, Helligkeit..). Das gefährliche an der Sache ist, dass sich der Grad der Benommenheit schlagartig ändert. Wenn einem dann noch genügend Koordination bleibt, um gegensteuern zu können, hat man Glück gehabt. Von diesem Glück hängt dann aber das Leben ab.
Es gibt lebensfreundlichere Tauchplätze als das Blue Hole. Hier ist es eben hauptsächlich tief. Ich würde diesen Tauchgang kein zweites mal wiederholen. Die Höhlenpassage war ein Horrortrip an der Grenze der Selbstkontrolle. Wer sich hier nicht sicher ist, sollte es bleiben lassen. Die Bells nebenan bieten mehr.
Antwort von usellermann am 10.07.2007 - 15:27 "wrack-uli: ... 6 Meter, keine Strömung..."
angesichts solch haarsträubender und gefährlicher Äußerungen möchte ich auf die "Blue Hole"-Beschreibung bei "wikipedia"(Web-Lexikon) und die dortigen Skizzen (von britischen Tec-Tauchern) hinweisen: Hier klicken Allerdings muß ich zugeben, dass auch mir der Weg kürzer erschien, als die gemessenen 26 Meter.
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