Meinungen und Ansichten zur Situation in Ägypten

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05.09.2013 17:49
Kategorie: News

Solange wir glauben, ist Hoffnung

Flagge Ägypten

Wie geht’s Euch eigentlich beim Thema „Ägypten“? Trauer? Wut? Scheißegal? Bei uns ist von allem ein wenig vorhanden. Ein großer Gefühlsbottich, der allerdings langsam droht, überzulaufen! „Zeit für einen Biller“, sagten wir damals immer, wenn Klartext fällig war. Kennt ihr nicht? Hmm... ist auch schon eine Weile her, als Maxim Biller in den achtziger Jahren im Zeitgeistmagazin "Tempo" die monatlichen Ausgaben mit seinen "100 Zeilen Hass" eröffnete. Irgendwer oder irgendetwas war da immer fällig. Gnadenlose Abrechnung. Polarisieren bis der Arzt kommt! “New Journalism“ wurde das damals genannt und es war frech, direkt, klar und hat stets eindeutig Position bezogen.

Vielleicht fehlt so etwas heute, denn: Zu Ägypten gibt es auch Positionen, nur leider keine eindeutigen. Für die Einen ist es ein Land am Rande des Bürgerkriegs für die Anderen immer noch ein Traum-Urlaubsziel im Umbruch. Und... Schuld daran sind Gott und die Welt. Jetzt sollen beileibe keine 100 Zeilen Hass folgen aber wir würden gerne mal unsere Fragen und Widersprüche, Bedenken und Erkenntnisse loswerden. Ganz subjektiv! So wie wir es sehen!

Uns stinkt es, dass Journalisten-Kollegen auch bei diesem Thema bisweilen die wahren Fakten einer eigenen Dramaturgie unterwerfen und dann einen Artikel über Hurghada mit einem Strandfoto von Alexandria mit brennenden Hochhäusern im Hintergrund aufmachen. Ein bisschen Rauch macht doch alles gleich viel dramatischer...
Uns stinkt auch, dass Taucher.Net-User auf Facebook posten, dass verallgemeinert "die Medien", also wir Journalisten, Schuld seien. Das ist natürlich Quatsch, denn das Wort "Schuld" hat in diesem Kontext überhaupt nichts zu suchen. Will man es unterdrückten Minderheiten vorwerfen, wenn sie aufbegehren? Kann man gefolterten, geprügelten Individuen vorwerfen, dass sie sich irgendwann einmal bücken und den nächsten Pflasterstein aufnehmen? Wer sind hier eigentlich die Bösen?
Wir versuchen, in solchen Fällen nicht mehr zu urteilen. Wir sollten übrigens alle die moralischen Zeigefinger in der Hosentasche belassen. Vor allem, wenn der Bogen der Erkenntnisse sich hier, in Deutschland, in Europa, auf der Sonnenseite des Lebens spannt und am großen Bottich viele Köche versammelt sind, die den Brei kräftig rühren und nach und nach mit ihren eigenen Zutaten verwürzen.

Fragen gibt es zuhauf, und die sollten gestellt werden! Widersprüche en masse, und die sollten aufgezeigt werden! Wie kann es zum Beispiel sein, dass das Auswärtige Amt einen "Reisehinweis" zu Ägypten herausgibt, in dem dringend vor Reisen nach Ägypten gewarnt wird, aber nicht den Mumm hat, auf "Grundlage sicherer Erkenntnisse" eine Reisewarnung auszusprechen? Kann es sein, dass da mehr vermutet als erkannt wird?

Warum werden dazu noch in "Elefantenrunden" der Branche die großen Reiseveranstalter bedrängt, Ägypten nicht mehr zu bedienen? Und dass die Branche sich nicht einig ist, liegt vermutlich nicht nur daran, dass die Tourismusexperten der großen Konzerne sich kein einheitliches Bild der Situation in Ägypten machen, sondern vielmehr auch daran, dass hier eine höchst unterschiedliche wirtschaftliche Interessenlage herrscht. Für den Branchenriesen TUI ist Ägypten offenbar gar kein priorisiertes Zielgebiet mehr, weil deren touristischen Kernziele inzwischen woanders liegen. Dort steigt zurzeit die Nachfrage gewaltig, weshalb eine Verlängerung der "Auszeit" für Ägypten vielleicht nicht einmal ungelegen kommt. Andere fliegen weiter, bedienen weiter und versuchen aus der schwierigen Situation das Beste zu machen. Natürlich auch klar, wenn man überwiegend aufs falsche Pferd gesetzt hat und nun dumm da steht. Sicherheitsbedenken werden auf der einen Seite genannt und die absolut friedliche Situation in den Urlaubsgebieten von der anderen Seite beschworen. So. Und wo liegt da nun die Wahrheit? Widersprüche ohne Ende... Komisch auch,  dass die Lufthansa-Töchter Swiss oder Austrian sich dem Reisestopp an das Rote Meer angeschlossen haben und nicht mehr in die ruhigen Badeorte fliegen, die Lufthansa und deren genannte Töchter aber kontinuierlich weiter Kairo anfliegen... Dafür gibt es bestimmt auch großartige Begründungen, nur wer soll die verstehen?

Wir haben alle die WDR-Reportage "Stell dir vor es ist Urlaub und keiner fährt hin – Ägypten vor der Pleite" gesehen und ein wenig den Glauben wieder gefunden. Den Glauben an ehrliche, gute journalistische Handwerksarbeit. Denn es war eine gute Reportage, die die Menschen und ihre Probleme ins Zentrum der Berichterstattung stellte. Nicht nur die deutschen Tauchbasenbesitzer die zurzeit kräftig draufzahlen und am Abgrund stehen, sondern auch die Einheimischen, die kleinen Leute, die nicht mehr wissen, wovon sie ihre Familien ernähren sollen, wenn der Tourismus gänzlich kollabiert, kamen da zu Wort. Es hat schon etwas Demütiges, wenn man als Zuschauer in diese Welt geführt wird, in der zurzeit eben alles so grundlegend anders läuft, als wir es uns alle wünschen. Fast schon grotesk wie das Animationsteam eines Hotels versucht, gute Laune unter den verbliebenen, fast handverlesenen Touristen zu erzeugen, oder wie der ägyptische Entertainer abends in der leeren Bar zwei, drei Gästen Lionel Richie`s "Hello" zuhaucht.

Leerer Strand in Marsa Alam (© tubs)
Ein Bild, symptomatisch für die Lage am Roten Meer.

Wenig demütig und eher ätzend ist es jedoch, dass es auch in dieser Krise, wie bei jedem "guten" Krieg, die Gewinnler gibt, denen die Dollars alles, die Menschen aber nichts bedeuten. Was mag wohl dahinter stecken, wenn arrivierten Tauchbasen von ansässigen Hoteliers nicht nur der volle Mietzins für die derzeit gastlose Tauchbasis abverlangt und, zum Dessert sozusagen, noch eine kleine Mieterhöhung gereicht wird. Nur wer Böses denkt, erinnert sich da an frühere Fälle, in denen gut arbeitende Basen "abgewickelt" wurden, weil der Mietvertrag mit dem besser zahlenden Nachfolger oder dem Cousin, Freund, Kompagnon bereits unterzeichnet in der Schublade lag. Okay, vielleicht verlieren wir uns gerade in Details.

Nur eines noch: Wir von Taucher.Net stehen fast ständig im Kontakt mit unseren Partnern und Freunden. Und wir versuchen ihnen zu helfen, wo es geht. Nur helfen ist manchmal schwerer, als man denkt. Da haben wir für alle Basen, Hotels, Reiseveranstalter unseren Bereich "Taucher.Net hilft Ägypten" programmiert und eröffnet. Hier können alle kostenfrei Beiträge zu Angeboten und Sonderaktionen bis hin zu Informationen zur Lage an den Küsten einstellen. Und das Angebot wurde gut angenommen. Ja, bis auf, den Umstand vielleicht, dass wir eigentlich keinen Bereich für ruinöse Preisschlachten schaffen wollten, sondern ein Forum in denen Ihr, unsere User, ihr Taucher und Freunde des Roten Meeres, motiviert werden solltet, mal wieder in Ägypten vorbei zu schauen. Denn, wie gestern schon berichtet: Die Lawine rollt, und immer mehr Hotels und Tauchbasen machen vorübergehend dicht, denn ohne Reiseveranstalter und Flieger keine Gäste! Wir von Taucher.Net glauben an das Reiseziel Ägypten! Auch jetzt, auch unter diesen Umständen! Und, solange wir alle glauben, ist Hoffnung...

Eigentlich wäre das jetzt ein schöner Schlusssatz gewesen... Wenn nicht heute die Nachricht vom Bombenattentat auf den ägyptischen Innenminister und die unfassbaren Kommentare des Militärs (General Basiouny im Radiointerview) eingelaufen wären. Fast wie eine Randnotiz macht es sich da aus, dass wir heute auch Nachricht erhielten, dass das Shedwan Hotel und die Tauchbasis diving.DE in Hurghada bis auf weiteres erst mal die Rollläden herunter gelassen haben. Wie gesagt: Die Lawine rollt...